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"I Have a Dream": Martin Luther King an der KSR

"I Have a Dream": Martin Luther King an der KSR

In Schlüsselszenen zeichnet das TNT Theatre eindrucksvoll Kings – von Widersprüchen gepflasterten – Weg vom bescheidenen Prediger zum grössten und tragischen politischen Visionär des 20. Jahrhunderts nach.  

"Oh, Freedom!" – klingt die Freiheit bei Szenenbeginn. Musikalisch wird sie fortlaufend unterstrichen, einerseits durch live gesungene Protestlieder wie "We Shall Overcome", anderseits durch eingespielte Gospel- und Jazzsongs, die den Zeitgeist repräsentieren und sich gegen den Rassismus richten. Dagegen lehnt sich Rosa Parks auf, als sie sich weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen weissen Fahrgast zu räumen; dagegen lehnen sich, im Kampf für Wahlrechte, die Marschierenden von Selma nach Montgomery auf; und dagegen lehnt sich Martin Luther King in seiner Vision ("I have a Dream") von einem gerechten und friedlichen Amerika auf. Er erschüttert Washington und die Welt – und wird zur Leitfigur in der Bürgerrechtsbewegung. Doch die TNT-Inszenierung wagt besonders einen Blick auf seine letzten Jahre, die von innerer Zerrissenheit und äusseren Spannungen gekennzeichnet sind: Fünf Jahre nach seiner berühmten Rede wirkt Martin Luther King erschöpft und ernüchtert, betrügt seine Ehefrau und wird moralisch angreifbar, wird vom FBI belastet und öffentlich diskreditiert von Gegnern wie Malcolm X, der statt gewaltfreier Integration Selbstverteidigung mit allen Mitteln und schwarzen Nationalismus fordert. Diese Widersprüche, die auch auf die Widersprüche des amerikanischen Traums und die amerikanische Gesellschaft anspielen und immer noch aktuell sind, spiegeln sich in der Darstellungsweise: Dokumentarische Elemente werden dramatisch überspitzt, Schwarze tragen weisse Masken, die Botschaft der Gewaltlosigkeit wird wortgewaltig angebracht. Entstanden ist ein bewegendes Theater mit charismatischen Schauspielenden, welches in der Erinnerung haften bleibt – ebenso wie die eingefrorene Todesszene von Martin Luther King. Während er durch einen Schuss in Memphis stirbt, lebt sein Traum weiter: "Oh, Freedom!" – klingt die Freiheit zum Szenenende.  

Foto: Markus Speissegger    

 

Mélanie-Chantal Deiss, 11.03.2026