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Von der Bibel bis Batman – die Nacht in der Kulturgeschichte

Von der Bibel bis Batman – die Nacht in der Kulturgeschichte

Am Donnerstag, 27. März 2025, durfte das in der Aula der Kantonsschule Romanshorn versammelte Publikum im Rahmen des Programms «Offene Kanti» einer ganz besonderen Vorlesung beiwohnen. Prof. Dr. Elisabeth Bronfen zeigte während knapp einer Stunde anhand diverser Beispiele aus Literatur, Kunst und Film eindrücklich auf, wie die Nacht – besonders seit dem Ende der Aufklärung – die westliche Kulturgeschichte geprägt hat.

 

Etwa 11'000 Nächte – so rechnet Prorektorin Mélanie Deiss den Anwesenden in ihrer Begrüssung der Gastrednerin vor – vergingen, während Dr. Bronfen als Professorin an der Universität Zürich, von welcher sie 2023 emeritiert wurde, tätig war. Es mag ungewöhnlich wirken, jemandes Schaffenszeit in Nächten anstelle von Tagen zu beziffern, doch nach Prof. Bronfens Vorlesung dürfte den Zuhörenden klargeworden sein, weshalb die Nacht [Substantiv, feminin] dem Tag [Substantiv, maskulin] in vielerlei Hinsicht zu bevorzugen ist.

Ohne Nacht keine Strahlkraft

Das Topos der Nacht, die mit ihrer Dunkelheit dem Bösen und Unheimlichen Schutz gebietet und letztlich vom Tag, der wiederum das Gute und Reine repräsentiert, «besiegt» wird, findet sich in zahlreichen literarischen und filmischen Werken wieder. Professor Bronfen betont in ihrer Vorlesung allerdings, dass diese binäre Einteilung zu simpel sei und dass ein endgültiges Überwinden der Nacht keineswegs einem finalen Triumph des Guten über das Böse gleichkäme. Dies aus mehreren Gründen: Einerseits – und dies ist leicht nachvollziehbar – benötigten wir die Nacht schlichtweg, um dem Licht seine Kraft zu gewähren. Ohne die Dunkelheit der Nacht könnte der Stern von Bethlehem den Heiligen Drei Königen nicht den Weg weisen, die allegorische Lichtgestalt Jesu die Menschen nicht aus der Dunkelheit ihrer Zeit lenken. Andererseits – und hier wird es spannend – bewirke der angestrengte Versuch, die Nacht zu unterdrücken, eine umso stärkere Opposition dieser. Entsprechend markiere dann auch das Ende der Aufklärung, des Zeitalters des Lichts, einen klaren Wendepunkt in der Perzeption der Nacht: Die Faszination mit dem Unheimlichen, also dem vom rationalen Denken Unterdrückten, schlage sich in der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts nieder. Dem von Arbeit, Repetition, Ordinärem geprägten Tag stehe die Nacht nun als Zeit für das Aussergewöhnliche gegenüber. Ihre Ambivalenz sei es letztendlich auch, die sie besonders spannend mache. So bleibe die Nacht weiterhin die Zeit für Gewalt, Kriminalität und Schreckgespenster, würde aber zunehmend auch als Raum für Meditation, Romantik und Magie wahrgenommen.

Schauer und Magie

Der Gastrednerin gelingt es überzeugend aufzuzeigen, wie sich Literatur und Film dieser Sichtweise bedienen und weshalb sie sich zu Medien der Nacht deklarieren. Wenig überraschend wird in Mary Shelleys «Frankenstein» (1818) das Monster nachts zum Leben erweckt und in Viktor Frankensteins Hochzeitsnacht wird seine Elisabeth vom Monster getötet. Allerdings bietet die Nacht der Kreatur auch Raum, um sich zu bilden und die Sprache der Menschen zu lernen. In Charles Laughtons «Die Nacht des Jägers» (orig.: «The Night of the Hunter», 1955) beobachten wir den bösen Serienmörder Harry Powell, der ein Geschwisterpaar, John und Pearl, durch die Nacht jagt. Den Kindern gelingt die Flucht knapp, indem sie in ein Boot steigen und den Fluss hinunterfahren. Die Bootsfahrt unter dem Sternenhimmel, begleitet von Pearls Wiegenlied, kippt die bedrohliche Stimmung ins Magische und Romantische.

Und die Nacht kann noch mehr

Abschliessend demonstriert Professor Bronfen anhand von Burtons «Batman» (1989), dass es der Nacht nicht nur gelingt, ewig weiter zu existieren, sondern dass wir uns eine Fortsetzung ihrer und all ihrer Manifestationen regelrecht wünschen. In «Batman» fiebern wir mit Bruce Waynes Alter Ego, dem dunklen, stets nachts auftretenden Helden mit. Im Sinne der Gerechtigkeit sind wir erleichtert darüber, dass es Batman gelingt, den bösen Joker zu besiegen und die Angebetete Vicki Vale zu retten. Und doch ist es die Schlussszene, die uns Lust auf mehr macht: Als nämlich das Bat-Signal enthüllt wird, welches nur am Nachthimmel gesehen werden kann, wünschen wir uns insgeheim, die dunklen Geschöpfe des Bösen mögen zurückkehren, damit wir in einem nächsten Film wieder mit unserem Helden mitfiebern können.

Zum Abschluss

Gerade ihre Vielfältigkeit, ihre Ambivalenzen und ihre Fähigkeit, immer und immer wieder in neuer Gestalt wiedergeboren zu werden und aufzutreten, machen die Nacht letztendlich so verlockend. Dies überzeugend aufzuzeigen, ist Prof. Bronfen während dieser Nachmittagsstunde an der Kantonsschule Romanshorn eindeutig gelungen. Vielen Dank dafür!

 

Bild: Fabienne Herzog

Text: Gabriele Desantis

Gabriele Desantis, 29.03.2025